♥ Der Anfang
Alles begann mit einem Tanzkurs. Oder eigentlich nicht direkt mit dem Tanzkurs, sondern mit den Stunden davor. Mit den Stunden, die Lea bis zum Beginn der Tanzstunde überbrücken wollte. Es war Februar im Jahr 2019. Draußen war es kalt und ungemütlich. Das Casino, an dem Lea vorbeikam, erschien ihr da sehr verlockend. Warm. Trocken. Etwas völlig Neues. Und ganz ehrlich: Was sollte schon schiefgehen? Lea hatte nicht vor, große Summen zu investieren. Sie wollte lediglich die Zeit auf nette Art und Weise herumbringen und danach tanzen gehen.
Und wirklich, es ging nichts schief. Im Gegenteil. Sie gewann 200 Euro. Ein Zufall, der sich warm und leicht anfühlte und für einen kleinen Moment ein Glücksgefühl in ihr hervorrief. Anschließend ging Lea tanzen, genau wie geplant, und das Casino war schnell wieder vergessen.
Ein paar Monate später starb ihre Mutter – und alles in Leas Leben veränderte sich.
Die Trauer war groß, schwer, fordernd. Auf einmal fühlte sich nichts in ihrem Leben mehr selbstverständlich an. Zu diesem Schmerz kam ein Geheimnis, das sie mit ihrer Mutter geteilt hatte: Vor einiger Zeit hatte Lea ihr Geld geliehen und die Mutter hatte begonnen, es heimlich zurückzuzahlen. Nur Leas Frau wusste davon. Die Familie nicht.
Geheimnisse tun nie gut. Sie entzweien. Lea und ihre Familie entfernten sich immer mehr voneinander. Aber obwohl Leas Frau sie immer wieder bat, der Familie gegenüber reinen Tisch zu machen, konnte Lea es nicht. Sie fühlte sich gelähmt von Trauer, Schuldgefühlen und innerer Unruhe. Alles, was sie nicht sagen konnte, wurde zu einer Last. Und während ihr Leben weiterlief, fühlte Lea sich immer weniger in der Lage, es wirklich zu halten.
In dieser Zeit erinnerte sie sich an das Gefühl aus dem Casino. Es war ein Gedanke wie ein Fluchtweg. Sie sehnte sich nach Glücksgefühl statt Trauer. Nach Intensität statt Benommenheit. Und das Casino schien ihr all das bieten zu können.
♥ Die Sucht beginnt leise
Ende 2019 kehrte Lea in ein Casino zurück. Diesmal online statt in Präsenz – und nicht aus Neugier, sondern aus einem Bedürfnis heraus. Es war so leicht, online zu spielen. Das Casino war immer verfügbar, anonym, von überall aus zugänglich, die Bezahlung einfach und unkompliziert. Ein Klick und noch einer. Ganz einfach eben.
Mit der Zeit bekam das Spielen ein anderes Gewicht. Es verdrängte vieles, das vorher Platz gehabt hatte. Gespräche wurden seltener, Entscheidungen schwerer. Lea machte Schulden, log ihre Frau an und zog sich mehr und mehr zurück. Der Druck wuchs, die finanziellen Belastungen ebenfalls, und sie rutschte immer tiefer in eine schwere Depression.
Lea begann eine Therapie, versuchte, mit dem Spielen aufzuhören und gegen die Depression anzugehen. Doch in den Sitzungen erreichte niemand wirklich den Punkt in ihr, an dem Veränderung hätte ansetzen können. Sie war zu weit von sich entfernt.
♥ Der Moment, in dem alles zu schwer wurde
2021 brach etwas in ihr.
Geldsorgen und Schulden. Lügen. Scham. Das Verstecken der Sucht. Der Druck in der Familie.
Es wurde zu viel. Nach einer medikamentösen Umstellung und in einem Zustand tiefer Verzweiflung unternahm Lea einen Suizidversuch. Es war ein Hilferuf, der zeigte, wie verloren sie sich fühlte.
2022 kam es zu einem Rückfall in die Spielsucht. Der Sog war vertraut. Die Betäubung auch.
♥ Die Entscheidung
Im Juni 2023 traf sie eine Entscheidung: Sie hörte auf zu spielen. Lea selbst bezeichnet es als „Notbremse“, die längst überfällig war.
Dazu gehörte auch, endlich die Wahrheit zu sagen. Sich zu öffnen. Sie sprach mit ihrer Frau. Gemeinsam beschlossen sie, eine Paartherapie zu beginnen.
Für Lea wurde diese Therapie zu einem Wendepunkt. Nicht, weil jemand ihr Leben für sie ordnete, sondern weil dort jemand an den Kern dessen kam, was sie jahrelang weggedrückt hatte. Lea sagt heute, dass die Therapeutin die erste war, die „den Hebel umlegte“.
In der Paartherapie lernte sie, über ihre Gefühle zu sprechen. Sie lernte, Trauer zuzulassen, Grenzen wahrzunehmen und den Abstand zur Familie nicht länger als persönliches Versagen zu betrachten. Es war der Beginn eines Weges, der nicht einfach war, aber endlich in die richtige Richtung führte.
♥ Schritt für Schritt
Lea suchte sich praktische Unterstützung.
Sie ging zur Schuldnerberatung, ordnete ihre Finanzen und meldete 2023 die Insolvenz an.
Und sie begann, regelmäßig eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Heute sagt sie:
„Es ist wichtig, zu sprechen. Man hat Steine im Rucksack und man entleert den Rucksack.“
Ein Satz, der beschreibt, wie sie ihren Weg versteht: nicht als einen schnellen Befreiungsschlag, sondern als Prozess.
Heute ist Lea spielfrei.
Sie lebt offener, spricht früher über Belastungen und achtet besser auf sich.
Ihre Beziehung trägt wieder – und Lea ist dankbar dafür, dass ihre Frau nach wie vor Teil ihres Lebens ist und ihr wieder vertrauen kann.
Sie weiß inzwischen, dass Sucht selten nur etwas mit dem Spiel selbst zu tun hat. Oft ist sie ein Versuch, etwas zu betäuben, wofür man keine Worte findet. Genau diese Worte hat Lea heute.
♥ Was Leas Geschichte zeigt
Leas Weg zeigt, wie eng Trauer, Überforderung und Sucht miteinander verknüpft sein können. Und er zeigt auch, wie viel möglich wird, wenn man beginnt, sich zu öffnen und Hilfe anzunehmen.
Der Weg aus der Sucht ist ein anstrengender Weg, aber er ist keiner, den man allein gehen muss.