Heute möchten wir euch eine Geschichte erzählen. Die Person in dieser Geschichte ist fiktiv, aber die Fakten dahinter sind es ganz und gar nicht. So oder so ähnlich ergeht es vielen glücksspielsüchtigen Menschen, die straffällig werden.
Nennen wir unseren Protagonisten Daniel.
An Daniel war nichts Ungewöhnliches. Er hatte einen Job, war verheiratet, hatte ein Kind. Manchmal sprachen er und seine Frau über ein zweites, aber bisher hatten sie es noch nicht ernsthaft versucht. Vielleicht in ein oder zwei Jahren, wenn der Kleine aus dem Gröbsten raus war und Daniel seine Gehaltserhöhung durch hatte.
Dienstags ging er abends zum Fußball, im Sommer luden er und seine Frau gerne Freunde und Nachbarn zum Grillen ein und der Familienurlaub ging meistens in den Süden ans Meer. Ein normales Leben. Fast perfekt, von außen betrachtet.
Zeitsprung.
Heute sitzt Daniel im Gefängnis. Nicht, weil er ein gewalttätiger Mensch ist. Nicht, weil er anderen bewusst schaden wollte. Sondern weil er über Jahre in eine Glücksspielsucht geraten ist, aus der er allein keinen Ausweg mehr fand.
Was als harmloser Zeitvertreib begann, wurde für ihn schleichend zu etwas, das immer mehr Raum einnahm. Die Gedanken kreisten nur noch um das nächste Spiel, die nächste Chance, den nächsten Versuch, Verluste auszugleichen. Mit der Zeit wuchsen die Schulden. Der Druck wurde größer. Die Angst, alles zu verlieren, ebenso.
Irgendwann traf Daniel Entscheidungen, die er sich früher nie hätte vorstellen können. Er log seine Familie und seine Freunde an. Überschritt Grenzen. Und schließlich unterschlug er bei der Arbeit Geld, um weiterspielen zu können. Bald würde er den großen Gewinn machen und das Geld zurückgeben können, da war er sicher. Doch so kam es nicht. Stattdessen flog Daniel auf. Seine Straftat, seine Lügen, die Schulden.
Vor Gericht sprach er offen über seine Glücksspielsucht. Er erklärte, wie sehr sie sein Denken und Handeln bestimmt hatte. Doch seine Suchterkrankung spielte bei der Urteilsfindung kaum eine Rolle. Eine Therapie wurde nicht angeordnet. Daniel erhielt eine Haftstrafe.
Jetzt, im Gefängnis, kann er seine Schulden nicht abbauen. Er kann nicht an seiner bröckelnden Ehe arbeiten. Die Menschen, denen er Schaden zugefügt hat, warten weiterhin auf Wiedergutmachung. Und seine Sucht besteht fort – unbehandelt.
Wäre Daniel drogenabhängig gewesen, hätte er unter Umständen die Möglichkeit gehabt, eine Therapie statt Strafe zu erhalten. Denn das ist durch Paragraph 35 BtMG gesetzlich verankert. Für Glücksspielsucht gibt es diese gesetzlich verankerte Option jedoch nicht.
Glücksspielsucht ist eine anerkannte Krankheit, aber rechtlich nicht der Drogensucht gleichgestellt
Glücksspielsucht ist eine ernsthafte Suchterkrankung. Sie verändert das Verhalten, beeinflusst Entscheidungen und kann zu massiven sozialen, finanziellen und psychischen Folgen führen. Es ist belegt, dass bei Verhaltenssüchten ähnliche Prozesse im Gehirn ablaufen wie bei stoffgebundenen Abhängigkeiten.
Trotzdem wird Glücksspielsucht im Strafrecht bislang nicht in gleicher Weise berücksichtigt wie eine Abhängigkeit von Betäubungsmitteln.
Für drogenabhängige Menschen besteht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit einer sogenannten „Therapie statt Strafe“.
Ziel ist es, die Ursache der Straftat – die Suchterkrankung – zu behandeln und dadurch langfristig Rückfälle zu verhindern.
Für Menschen mit Glücksspielsucht fehlt eine vergleichbare, klar geregelte gesetzliche Grundlage.
Die Folge: Ob eine Glücksspielsucht im Strafverfahren berücksichtigt wird, hängt häufig vom Einzelfall ab. Für Betroffene bedeutet das Unsicherheit und leider oft auch fehlende Unterstützung.
So wie bei Daniel.
Strafe ohne Behandlung löst das Problem nicht
Wenn eine Suchterkrankung unbehandelt bleibt, besteht die Gefahr, dass sich die Situation langfristig verschärft. Und das nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Geschädigten und für die Gesellschaft.
Haft allein beendet keine Sucht. Sie nimmt Betroffenen häufig die Möglichkeit,
- ihre Schulden zu regulieren,
- Verantwortung aktiv zu übernehmen,
- beruflich stabil zu bleiben oder neu Fuß zu fassen,
- langfristig ein suchtfreies Leben aufzubauen.
Therapeutische Unterstützung hingegen kann Menschen helfen, ihre Erkrankung zu verstehen, ihr Verhalten zu verändern und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Sie schafft die Grundlage dafür, Schaden wiedergutzumachen und Rückfälle zu vermeiden.
Auch für Geschädigte kann dies einen entscheidenden Unterschied machen: Von jemandem, der oder die Stabilität erreicht, können sie eher Wiedergutmachung erhalten als von jemandem, der oder die ohne Behandlung immer wieder in denselben Kreislauf gerät.
Wenn wir das auf Daniels Geschichte übertragen, stellt sich also die Frage:
Was wäre Daniels Chef wohl lieber gewesen: Das verlorene Geld zurückzuerhalten? Oder auf dem Verlust sitzenzubleiben, weil Daniel keine Chance erhält, seine Erkrankung zu behandeln?
Die entscheidende Frage ist: Wenn Glücksspielsucht als Krankheit anerkannt ist, warum wird sie im Strafrecht nicht gleichermaßen berücksichtigt?
Unser Anliegen bei spielfrei24
Bei spielfrei24 erleben wir täglich, wie stark Glücksspielsucht das Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen beeinflusst. Wir sehen, wie wichtig frühzeitige Unterstützung, Therapieangebote und gesellschaftliches Verständnis sind.
Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass Glücksspielsucht auch im Justizsystem stärker berücksichtigt wird, und dass therapeutische Lösungen dort möglich werden, wo sie sinnvoll sind.
Im Rahmen unseres Projekts „Restart // spielfrei aus der Sucht zurück ins Leben“ möchten wir neben der Arbeit mit aus der Haft entlassenen Betroffenen außerdem ein strukturelles Umdenken erreichen: Mit politischen Entscheidungsträger*innen sprechen wir über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Verankerung von „Therapie statt Strafe“ auch für Glücksspielsüchtige und möchten die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam machen.
Therapie statt Strafe darf kein Privileg einzelner Suchterkrankungen sein.
Veränderung beginnt mit Bewusstsein
Die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Suchterkrankungen umgeht, betrifft uns alle. Wenn wir Ursachen behandeln, statt nur Symptome zu bestrafen, profitieren Betroffene, Geschädigte und die Gesellschaft insgesamt. Wer Verantwortung übernehmen soll, braucht die Chance, gesund zu werden.
Das Projekt „Restart // spielfrei aus der Haft zurück ins Leben“ wird von der Aktion Mensch und von der Barmer gefördert.

